Namaste. Moin.
Es war ein kalter Berliner Morgen, vor zweiundfünfzig Jahren. Ich stand neben meinem Vater auf dem Kriegsgräberfriedhof Heerstraße. Vor uns lagen zwölf indische Soldaten — Männer, die die Freiheit, für die sie kämpften, nie erlebten.
Als die Trikolore über ihren Gräbern aufstieg, begriff ich: Freiheit hat einen Preis. Und der Nutznießer war ich.
Das Geschenk der Freiheit
Es ist der Grund, warum ich meinen Träumen nachgehen konnte. Frei zu leben. Meine Meinung zu sagen — auch dann, wenn meine Gedanken anders, unkonventionell und unbequem sind.
Freiheit wurde nie einfach übergeben. Sie wurde von gewöhnlichen Menschen mit außergewöhnlichem Mut den Imperien abgerungen. Bauern. Studierende. Dichter. Arbeiter. Sie glaubten, Selbstbestimmung sei kein Luxus — sie sei ein Geburtsrecht.
Identität und Verantwortung
Für jemanden wie mich — indischer Herkunft, geprägt von über fünf Jahrzehnten in Deutschland — ist dieser Tag mehr als eine historische Markierung.
Freiheit ist nicht statisch. Sie muss gepflegt, verteidigt und mit jeder Generation neu gedacht werden.
Man blicke nur auf Ostdeutschland. Die Freiheit kam spät — für viele wie mich noch zu unseren Lebzeiten. Aufgewachsen in West-Berlin, sah ich die Teilung. Ich spürte sie. Jeden Tag.
Indiens Weg in Zahlen
Indiens wirtschaftliche Reise seit 1947 lässt sich in Zahlen erzählen.
Vor der Kolonialherrschaft: 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Nach der Unabhängigkeit? Ganze 1,5 Prozent. Heute? 8,5 Prozent — und steigend. Indien wird voraussichtlich bis 2030 die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Doch die eigentliche Geschichte ist der Bauer, der nun seine Tochter an die Hochschule schicken kann. Die Wissenschaftlerin, die Satelliten ins All bringt. Die Unternehmerin, die in Dörfern Arbeitsplätze schafft.
In meiner Zeit an der Spitze von Roche in Indien erlebte ich atemberaubenden Wandel — Infrastruktur, Wissenschaft, Bildung, Handel, was immer man nennen mag.
Doch ich sah auch die Spannungen: zwischen Tradition und Moderne, zwischen Alt und Jung, zwischen Aufstiegswillen und Zugang.
Fortschritt bemisst sich nicht allein an der Geschwindigkeit. Es geht um die Richtung.
Indien und Deutschland: geteilte Geschichte, geteilte Werte
Unsere Sprachen teilen alte Wurzeln — das Indogermanische. Unsere geistigen Geschichten sind verwoben, vom Reisebericht des Jahres 1509 bis zu den Missionaren und Indologen des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts.
Indien erhob sich aus der Kolonialherrschaft. Deutschland erhob sich aus der Asche des Krieges. Beide bauten nicht nur Volkswirtschaften wieder auf, sondern Demokratien.
Unsere Verfassungen antworten einander. Die indische spricht von Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das deutsche Grundgesetz spricht von Verantwortung, Frieden, Würde und Einheit.
Artikel 1 lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Das sind nicht nur Worte. Es sind gemeinsame Verpflichtungen.
Und wir teilen dieselben geoökonomischen und politischen Herausforderungen — Klimawandel, technologischer Umbruch, wechselnde Bündnisse. Eine Welt, die sich von Konvergenz zu Divergenz bewegt.
Kultur und Verbindung
In dieser sich wandelnden und unbeständigen Welt bleibt Kultur eine Brücke.
Heute blüht indische Kultur in Deutschland. Yogastudios in Eimsbüttel. Bollywood im Savoy Cinema. Gewürze in Küchen der ganzen Stadt. Indische Musik und indischer Tanz — hier.
Heben Sie die Hand, wenn Sie schon einmal einem deutschen Freund indische Küche erklären wollten — und dann sein Gesicht gesehen haben, als Sie sagten, dass wir in Indien gar kein „Currypulver“ verwenden.
Dann gebe ich denselben Blick zurück, den ich ernte, wenn jemand in Bayern Semmeln Brötchen nennt statt Semmel.
Doch Kultur ist nicht nur Export — sie ist Austausch. Sie ist die stille Verwandlung, die geschieht, wenn wir voneinander lernen, nicht nur übereinander.
Diaspora und Verantwortung
Die indische Diaspora ist eine lebendige Brücke.
Doch ich frage Sie: Sind wir lediglich Beiträger zu Volkswirtschaften — oder Hüter von Werten? Botschafterinnen und Botschafter dieser Länder?
Gestalten wir Systeme, oder passen wir uns ihnen nur an?
Jede und jeder von Ihnen — Ärztin oder Arzt, Ingenieurin oder Ingenieur, Künstlerin oder Künstler, Studentin oder Student — ist nicht nur ein Bindeglied, sondern eine Führungskraft.
Sie haben die Macht, Hamburgs Blick auf Indien zu prägen — und Indiens Blick auf die Welt.
Handel und Vertrauen
Wenden wir uns nun unserer wirtschaftlichen Partnerschaft zu.
Dreiunddreißig Milliarden Dollar im bilateralen Handel. Hamburg verschifft jährlich fast 2,8 Millionen Tonnen Waren nach Indien — ein Wachstum von über 35 Prozent in einem einzigen Quartal und 16 Prozent jährlich in den letzten fünf Jahren.
Über 700 Unternehmen hier handeln mit Indien. Mehr als fünfzig indische Firmen haben in Hamburg ihren Sitz.
Was bedeutet es, wenn Hamburg Millionen Tonnen nach Indien exportiert? Es bedeutet Chance. Vertrauen. Ehrgeiz, der Grenzen überschreitet.
Es geht um unsichtbare Fäden der Zusammenarbeit, der Neugier und eines gemeinsamen Schicksals.
Indiens Zukunft und unsere Rolle
Indiens Ziele für 2047 sind kühn.
Eine entwickelte Volkswirtschaft zu werden. Ein weltweiter Technologiestandort. Ein Vorreiter im Klimaschutz. Atmanirbhar zu sein — eigenständig.
Alles zu schaffen, von Halbleitern bis zu Flugzeugtriebwerken. Mit einem Medianalter unter dreißig, digitaler Beweglichkeit, Straßenhändlern, die bargeldlos kassieren, ausgezeichneter Bildung, hartem Wettbewerb.
Indien holt nicht nur auf. Es macht einen Satz nach vorn.
Doch Herausforderungen bleiben. Wirtschaftliche Ungleichheit. Qualifikationslücken. Die Verletzlichkeit der Landwirtschaft — 42 Prozent sind noch von der Landwirtschaft abhängig.
Das sind nicht nur Statistiken. Es sind Geschichten. Geschichten von Widerstandskraft — und von Dringlichkeit.
Wie Rabindranath Tagore es sich vorstellte:
Indien wird nicht für seinen Reichtum bekannt sein, sondern für den Reichtum seines Geistes.
Ein Aufruf zum Handeln
Wie viele von uns haben sich geteilt gefühlt — durch Grenzen, Sprachen, Generationen?
Und wie viele haben die Freude erlebt, diese Gräben zu überbrücken?
Wir sind nicht nur Beobachtende. Wir sind Brücken.
Und Brücken müssen mehr tun, als zu verbinden. Sie müssen Last tragen. Sie müssen bestehen.
Wir sollten der Herzschlag zweier Nationen sein — und dafür sorgen, dass der Reichtum, den wir pflegen, nicht nur materiell ist, sondern sittlich, kulturell und geistig.
- Lassen Sie uns Verständigung fördern — nicht nur Toleranz, sondern Empathie.
- Lassen Sie uns für Inklusion eintreten — nicht nur in der Politik, sondern in der Praxis.
- Lassen Sie uns Zusammenarbeit stärken — nicht um des Ansehens willen, sondern um eines Zwecks willen.
- Lassen Sie uns Innovation vorantreiben — nicht nur um des Gewinns willen, sondern um des Fortschritts willen.
- Lassen Sie uns den Wandel an der Basis unterstützen — nicht nur mit Mitteln, sondern mit Vertrauen.
Wir sollten der Herzschlag zweier Nationen sein.
Denken Sie daran, was Sie heute tun wollen, damit dies geschieht.
Wenn Sie heute Abend diesen Saal verlassen, stellen Sie sich vor, in der einen Hand Indiens Träume, in der anderen Deutschlands Chancen.
Und wissen Sie: Sie sind die Brücke, die beides zusammenführt.
Vielen Dank.

